Sayın Hat Kesik - Sehr geehrte abgetrennte Leitung

Sayın Hat Kesik – Sehr geehrte abgetrennte Leitung

Weitergehen oder hinterfragen?

Sehr geehrte abgetrennte Leitung Sayın Hat Kesik

Was tun, wenn dein Anruf wiederholt auf eine tote Leitung stößt?

Fast jeder von uns kennt diese oder ähnliche Situationen…Das Projekt ist beendet, doch die Zahlung lässt ewig auf sich warten. Vom neuen Chef bereits mündlich eingestellt, der Vertrag aber seit Wochen immer noch auf dem Postweg. Oder aber, der Lieblingsmensch versichert sich in nächster Zeit zu melden. Ganz unterschiedliche und normale Situationen möchte man meinen. Hätten sie nicht alle eine Gemeinsamkeit. Man wartet und wartet und dann passiert … nichts. Nicht weiter tragisch, ist der erste Gedanke. Und so lässt man einige weitere Tage verstreichen, greift dann zum Telefon um den Kontakt wieder aufzunehmen und die Situation in die richtigen Bahnen zu leiten. 

Doch was tun, wenn es am anderen Ende, auch nach mehrmaligen Versuchen der Kontaktaufnahme, weiterhin stumm bleibt? In einer Zeit, in der wir in Echtzeit per Zoom miteinander Meetings halten, telefonieren oder chatten, wissen wir natürlich sofort, das mit tage- oder gar wochenlang fehlenden Rückmeldungen, hier etwas im Argen ist. Langsam setzt die Nervosität ein und die eigene Schuldzuweisungen beginnen zu wachsen. Mit zunehmender Zeit fühlen wir uns schlecht, abgeschlagen, ignoriert und stehen der Situation mehr und mehr ohnmächtig gegenüber. Zweifel nagen an uns, an unseren Wahrnehmungen des Gegenübers, an vorher Gesagtem und Erlebtem. Gerade jetzt in Zeiten der Pandemie, scheinen viele Antworten auf Fragen schneller verstummt oder Kontakte gar vergessen zu sein. Je mehr man genauer hinhört, wird klar, es werden nicht gerade wenigere, von denen, die darüber klagen.

Aber wie nun genau damit umgehen?

Es ist schon ein paar Jährchen her, da wurde ich in Antalya von einer Entertainment Agentur für die Produktionsreihe von verschiedenen Bühnenprojekten verpflichtet. Es war ein unglaublich großes Projekt, bisher in dieser Form in Antalya noch völlig unbekannt. Ich war voller Enthusiasmus und freute mich sehr auf diese Arbeit. Die Vorbereitungen liefen gut an. Doch dann kam es unerwartet zu Problemen, nach einem Wechsel innerhalb der Geschäftsführung der Kooperationspartner meiner Agentur, traten diese von der Kooperation zurück. Das Vorhaben der Produktionsreihe schien somit kurz vor dem Aus. 

Schnellstens mussten neue Partner gefunden werden. Da die Proben für mich ja nun noch nicht begonnen hatten, bat man mich, für ein paar Wochen das Marketing im Büro zu unterstützen, schließlich kannte ich meine eigenen Produktionen ja am besten. Obwohl meine Kenntnisse der türkischen Sprache zu dieser Zeit so gut wie noch nicht vorhanden waren, sagte ich sofort zu. Das Internet zählte damals noch zum Luxus und funktionierte nur schleppend. Gut funktionierende Webseiten standen uns daher noch nicht zur Verfügung. 

So saß ich also im Büro, nahm mir das dicke, fette Branchenbuch der türkischen Riviera zur Hand und begann mir alle nur möglichen Kooperationspartner mit ihren Telefonnummern heraus zu schreiben. Danach bat ich unsere Sekretärin, diese anzurufen und sich nach dem Namen der Geschäftsleiter bzw. Manager zu erkundigen. 

In der Zwischenzeit verfasste ich Projekt-Vorstellungs- und Verkaufstexte auf Englisch. Am nächsten Tag erhielt ich die Liste mit den Namen der jeweiligen Geschäftsführer zurück. Eine Firma war samt Kontaktnummer auffällig mit Farbe gekennzeichnet und eingekreist. Daneben stand die handschriftliche Notiz „Hat Kesikti“. Da ich nicht verstand, es sich für uns aber um einen sehr wichtigen potentiellen Kooperationspartner handeln könnte, fragte ich, was dies bedeutete. Die Sekretärin erklärte mir, das sie mehrere Stunden versucht hatte, jemand unter der Telefonnummer zu erreichen, jedoch ergab sich keine einzige Verbindung und somit hatte sich bisher noch keine Möglichkeit ergeben, den richtigen Ansprechpartner ausfindig machen. 

Die Telefonnummer gehörte zu einer der damaligen größten Hotelketten an der Türkischen Rivera. Diese besaßen große Event & Konferenzräume mit riesigen Bühnen. Ich glaubte an die Möglichkeit einer Kooperation mit Ihnen, also versuchten wir die Kontaktaufnahme weiter. Doch es war wie verhext. Entweder es klingelte am anderen Ende ohne Antwort ewig oder aber, das Telefonat brach sofort nach dem ersten Wort wieder ab. Wir versuchten es immer wieder. Mit der Zeit gewannen wir den Eindruck, das man mit uns partout nicht sprechen wollte. Ich wurde ungeduldig. Nach über einer Woche riß mir dann jedoch mein Geduldsfaden. Ich nahm den ganzen Stapel der vorbereiteten Dokumente und faxte sie an das Büro der Hotelkette. Adressiert habe ich diese an den Geschäftsführer mit der Anrede „Sayın Hat Kesik“ – (dt. Übersetzung „Sehr geehrte abgetrennte Leitung“). Unsere Sekretärin stand ungläubig neben mir. 

Nicht immer ist es, wie es scheint

Es dauerte keine zwei Stunden und wir erhielten den Rückruf des Geschäftsführers. Ich höre sein Lachen noch immer in meinem Ohr,

als wäre es gestern gewesen. Das Missverständnis löste sich innerhalb weniger Minuten auf. Sein Büro hatte tatsächlich seit mehreren Tagen ein bisher noch ungelöstes Problem mit der Telefonleitung. Es klingelte bei ihnen, aber man konnte niemanden hören, noch sehen wer der Anrufende war. 

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Nach dem Telefonat erhielt unsere Agentur ein persönlichen Termin und wir konnten in kürzester Zeit eine Kooperation mit mehreren Anlagen der Hotelkette verabreden. Diese Kooperation hielt anschließend mehrere Jahre.

Wenn du das nächste Mal glaubst, du hast es mit einem „Hat Kesik“ zu tun, stecke den Kopf nicht gleich in Sand. Überlege gut, wie wichtig der Kontakt, die Aussprache, die Erklärung oder der Mensch für dich ist und handele dementsprechend. Nimm Kontakt auf, kämpfe für die Klärung, deine Antwort und versuche die Situation für beide Seiten zu entkräften. Manchmal sind es ganz simple und unerwartete Gründe, die einen Kontakt kurzfristig verhindern. Eventuell aber, fällt die Klärung nicht ganz so positiv aus, dann jedoch weißt du zumindest, wo du stehst und du wirst dich trotz allem besser fühlen..

Sollten jedoch alle Versuche im Sande verlaufen, kein Kontakt entstanden sein und du keine ausreichende Antwort erhalten haben, hilft nur noch die Akzeptanz. Mit einem Wieso – Weshalb – Warum – zurück zubleiben, kann mitunter ein harter Brocken zu schlucken sein, gerade wenn die Entscheidung des Anderen eventuell einschneidende Veränderungen mit sich bringen. Aber es ist nun mal die Entscheidung des Gegenübers, die es zu akzeptieren gilt und leider hat er durchaus auch das Recht dazu. Somit ist nun eher eine Alternativhandlung notwendig. In Bezug auf deine „abgetrennte Leitung“ aber, kannst du dich jedoch nun, mit der Sicherheit alles Notwendige zur Klärung getan zu haben, ganz entspannt zurücklehnen und versuchen deine Lehren aus dieser Situation zu ziehen. 

Wir kennen oftmals nicht die Beweggründe, warum sich jemand entscheidet, vorangegangene Handlungen und Aussagen vollends über Bord zu werfen. Wir wissen auch nicht, warum es einfacher sein sollte, einem Eingeständnis, einer wahren Problemfindung oder offenen Aussprache aus dem Weg zu gehen.

Aber eins ist ganz sicher. Wenn sich die Situation so entwickelt hat, dass die Leitung weiterhin gekappt bleibt, sollte dringend überdacht werden, ob „Hat Kesik“ deine weitere Aufmerksamkeit, deine Kraft oder auch nur deine Gedanken weiterhin verdient hat.

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