Interview mit Murat Tosun

Mit dem Bewusstsein der europäischen Türken

Murat Torsun, Franziska Sevik, Bild © SanatSever, Franziska Sevik

Im Interview mit dem Chefredakteur der Zeitschrift „Merhaba“ Murat Tosun

Wir handeln mit dem Bewusstsein der europäischen Türken


Herr Tosun, seit vielen Jahren arbeiten Sie erfolgreich als Journalist und schreiben für verschiedene deutsche und türkische Medien. Was lieben Sie an Ihrem Beruf am meisten?

Das Beste am Journalismus ist für mich, dass man in diesem Beruf viele Geschehnisse miterlebt und somit zum Zeuge von vielem wird. Man trifft stets neue Leute und lernt ihre Geschichten kennen. Manchmal sind dies spaßige Situationen, manchmal weniger spaßige. Letzten Endes geht es immer um menschliche Gefühle. All dies bildhaft darzustellen und schriftlich darzulegen, ist einer der wichtigsten Aspekte.

Am Anfang des Jahres haben Sie nun auch noch die Chefredaktion der ältesten und bekanntesten Deutsch-Türkischen Zeitschrift in Berlin – Merhaba Berlin – übernommen. Wo liegt hier der Unterschied an der Arbeit des Journalisten und des Chefredakteures?

Die Arbeit als Chefredakteur ist nicht vergleichbar mit der Tätigkeit des Journalisten. Als Journalist beschafft und recherchiert man Informationen über bestimmte Themen und erstellt dann analog der ausgewerteten Informationen mündliche oder schriftliche Beiträge.

Als Chefredakteur bin ich eher als Manager für das gesamte Geschehen wie etwa Budget, Strukturen, Personal und Organisation der Redaktion tätig. Ich habe mich damals sehr über die Anfrage des Verlages gefreut und die neue Herausforderung als Chefredakteur von Merhaba Berlin gerne angenommen. Ich liebe beide Tätigkeiten sehr und hoffe, auch in Zukunft diese weiterhin gut miteinander vereinbaren zu können.

Die Zeitschrift Merhaba Berlin existiert nun schon seit 1997 und spricht überwiegend Deutsch-Türkische Bürger in Berlin an. Wie erklären Sie sich das Interesse an der Zeitschrift gerade auch im Zuge der anwachsenden Digitalisierung?

Die Digitalisierung hat das Leben in vielen Bereichen erleichtert und die Zeit beschleunigt. Der Ort hat keine Bedeutung mehr, wenn man über eine Internetverbindung und die erforderliche Hardware (PC oder Smartphone) verfügt. Wir bekommen alle Informationen sehr schnell und demzufolge verbrauchen wir diese auch sehr schnell. Die Konsumunzufriedenheit erreicht mit der Digitalisierung ihren Höhepunkt. Ein Computerspiel das neu im Markt erschienen ist, langweilt uns dann schon nach einem Monat. Mann möchte stets das Neuste oder die noch erweiterte verbesserte Version von allem.

Medien sind da natürlich am stärksten betroffenen. Viele Verlage haben daher ihre Digitalisierungsinfrastrukturen geschaffen und entwickeln es immer noch weiter. Auch Merhaba-Berlin arbeitet daran. Trotzdem arbeiten wir weiter daran gedruckte Veröffentlichungen so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Ich bin nicht der Meinung, dass gedruckte Veröffentlichungen bereits zu Nostalgie geworden sind. Ich vertrete die Meinung, dass qualitative Publikationen mit guten Vertriebsnetzen noch mehr Menschen direkt erreichen kann und auch in Zukunft auf dem Markt sein wird.

Zeitgleich mit der Tätigkeit des Chefredakteurs haben Sie die Merhaba Kultur Initiative gegründet. Worum handelt es sich dabei?

Die Merhaba Kultur Initiative ist eine ehrenamtlich und offene Initiative, die sich für die Interessen der Deutsch – Türkischen Kultur und Ihre Schaffenden stark macht. Zum Grundgedanken kam noch der Aufbau eines Netzwerkes für Kulturschaffende und Kulturinteressierte der Deutsch-Türkischen Kultur hinzu.

Wir handeln mit dem Bewusstsein der europäischen Türken. Dieses Denken bringen wir sowohl in unseren Publikationen, als auch in unserer Kulturinitiative in den Vordergrund. Künstler türkischer Herkunft sind in vielen Ländern Europas zu Hause. Sie sprechen Deutsch, Französisch, Englisch, Niederländisch und Flämisch.

Die neue Generation der europäischen Türken hat, wenn auch die Bindung zur Türkei im Gegensatz zu ihren Müttern und Vätern nicht so stark geprägt ist, dennoch gemeinsame Wurzeln. Alle sind mit den gleichen Märchen und mit den gleichen Schlafliedern aufgewachsen. Von ihren Müttern haben sie das gleiche Lied, in der gleichen Sprache gehört. In den Ländern, in denen sie leben, haben sie hybride Kulturen geschaffen, wie zum Beispiel Türkisch-Deutsch, Türkisch-Französisch, Türkisch-Britisch.

Ich möchte eine Plattform für Menschen schaffen, die sich ihrer hybriden Kultur bewusst sind und auf der sie sich gegenseitig wahrnehmen können. Darauf zielt die „Merhaba Kultur Initiative“ ab. Dies kann maßgeblich zur Entstehung brandneuer Synthesen beitragen. Die Türkei ist zwar noch nicht in der EU, aber die Türken, die in den verschiedenen europäischen Ländern leben, sind ja bereits ein Teil Europas.

Unser vorrangiges Ziel ist es jedoch, kulturelle und künstlerische Aktivitäten auf lokaler Ebene in Berlin durchzuführen. Geplant sind dabei interkulturelle Veranstaltungen wie Theaterabende, Lesungen, Festivals, sowie Informations- und Diskussionsveranstaltungen. Die erste Veranstaltung fand letzten Monat im Rahmen der Eröffnung des Jubiläums der 30-jährigen Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Istanbul statt.

Wer sind die Kulturschaffenden und die Interessierten der Merhaba Kultur Initiative genau?

Wir pflegen Kontakte und Kooperationen mit Künstlerinnen und Künstler aus jedem nur erdenklichen Bereich der Kunst & Kultur. Dazu gehören auch VeranstalterInnen, AgentInnen, VermittlerInnen und Pädagogen. Eigentlich alle, die Kunst und Kultur interessiert, diese leben und unterstützen.

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