Ümit Memisoglu

Online snacken mit dem Umihito – Food Vlog

Ümit Memisoglu © Ümit Memisoglu 

Online lecker snacken

Im Gespräch mit Ümit Memisoglu über den Umihito – Food Vlog

Ümit, du bist Technik-Redakteur und Videograph. Gleichzeitig aber führst du einen der bekanntesten Food Vlogs in Deutschland auf Instagram. Woher kam die Idee zum Vlog und wie kommt man als Technik-Liebhaber aufs Kochen?

Eigentlich bin ich sogar Luft- und Raumfahrtingenieur, bin aber durch Zufälle während des Studiums auch nebenbei zum Technik-Blogging gekommen und habe in kürzester Zeit dann angefangen für einen der bekanntesten Technikblogs zu schreiben und Videos zu drehen, da mich das Thema Smartphones, Smart Home etc. sehr interessierte. Dort habe ich meine ersten Schritte in der Medienbranche machen können, bin viel herumgekommen und habe wichtige Erfahrungen gemacht.

Das Kochen habe ich zu Beginn des Studiums angefangen. Einfach weil ich ungerne draußen esse, mir die Variationen gefehlt haben und ich die Kochkünste meiner Mutter vermisst habe, die meine große Inspiration ist. Bis zum Studium war sie immer die große Köchin im Haus und ist das auch noch immer, wenn ich sie besuche, denn es riecht schon nach Essen, bevor ich das Haus betrete.

Von ihr habe ich praktisch alles gelernt. Das war kein einfacher oder schneller Prozess, sondern schon viel Arbeit, aber es hat auch wirklich viel Spaß gemacht, da man quasi aus einzelnen Bausteinen etwas Neues schafft. Das ist wie wenn man mit Legosteinen spielt. Es wird nie langweilig, da man immer seine Kreativität ausleben kann. Vor allem, wenn man es schafft vom Konzept der Rezepte wegzukommen und anfängt nach Gefühl zu kochten. Ein Chefkoch bin ich aber nicht und das Level meiner Mutter habe ich lange nicht erreicht, aber dadurch habe ich immer den Raum für Verbesserungen.

Zu den Vlogs selbst: Ich wollte einfach einen neuen Videostil für ein anderes Projekt ausprobieren. Teilweise inspiriert war es von Edgar Wrights Filmen, aber sollte dennoch einen eigenen Charakter haben. Mir fiel auf, dass ein Kochprozess so viele einzelne Schritte, einen Anfang, Höhepunkte, ein Ende etc. hat, sodass es quasi schon eine Geschichte erzählt. Es musste also einfach nur mal das aufgenommen werden, was an dem Tag gekocht und gegessen wurde. Mit Originalton und schnellen Schnitten. Irgendwann hatte ich 10 solcher Videos aber habe sie nur privat in meinen Instagram Stories gepostet, wo ich gutes Feedback bekam. Sie waren aber nie für die Öffentlichkeit gedacht. 

Eines Abends erzählte mir meine Schwester (@kiraamell), dass ich die Videos mal auf TikTok hochladen soll, weil die App unter jungen Leuten sehr beliebt ist. Ich habe also mein erstes Video, mit dem Gedanken es am nächsten Tag zu löschen, hochgeladen und hatte plötzlich 200.000 Views. Mit dem zweiten Video 945.000 Views. So ging es immer weiter, während die Followerzahl wie von selbst stieg. Gleichzeitig begann ich auch auf Instagram hochzuladen, was unerwarteter Weise nach einigen Monaten auch einen Boom erlebte.

Welchen Zweck erfüllt der Food Vlog? Welche Gerichte zeigst du uns?

Es wird immer das aufgenommen, was es an dem Tag auch zu essen gab, weshalb man weder etwas unrealistisches, übertriebenes oder etwas zu perfektes und buntes sieht. Dabei ist es nie ein einziges Gericht, sondern fast immer ein ganzes Menü, was meist von Null auf erstellt wird mit Hauptgericht, Beilagen, Salat, Getränken oder auch ein Dessert mit Kaffee oder Tee. In Videoform sieht man im Vergleich zu einem Bild auch wie das ganze entsteht, was ich persönlich interessanter finde.  

Einen richtigen Zweck habe ich nicht. Das Ziel ist es immer erstmal ein Video zu erstellen, was mir gefällt und was ich sogar selbst gerne, auch mehrfach, schauen würde. Ich mag dieses authentische und immersive, aber gleichzeitig motivierende an diesen Videos. Mir ist es wichtig auf einfachste Weise eine verständliche, aber unterhaltsame Geschichte zu erzählen. 

Jeder nimmt aber etwas anderes mit. Einige lassen sich inspirieren was sie heute kochen könnten oder einfach etwas Neues zu probieren. Viele schreiben auch immer, dass sie das Gefühl bekommen in die Küche zu rennen und es sofort nachmachen zu wollen. Andere motivieren sich dadurch, selbst mit dem Kochen anzufangen, sehen es als Unterhaltung oder finden es entspannend und sagen es fühlt sich an wie eine Therapie. Wiederum andere finden es einfach unterhaltsam. Jeder nimmt da was ganz Anderes mit, was ich sehr spannend finde.

Die Videos zu den Gerichten in deinem Vlog sind selten länger als eine Minute? Warum so kurz? 

Es ist die einfachste Art eine Geschichte zu erzählen indem man das für das Verständnis unnötige rausnimmt und das wichtigste drin lässt. Wichtig ist aber auch der original entstehende Ton, weil ohne diesen, also etwa mit Musik, werden diese Videos nicht funktionieren. Der Ton hilft am ehesten das Gesehene zu verstehen, es richtig einzuordnen und es mit eigenen Erfahrungen zu kombinieren. Das führt als Nebenprodukt zu einem Lerneffekt, wenn man das Video einige Male schaut. Lange Videos funktionieren meist in den sozialen Medien sowieso nicht, weil die Leute dort quasi schnell was „Snacken“ wollen. Videos mit Musik, mit Zeitraffern, mit langen oder kurzen Erklärungen gibt es wie Sand am Meer, aber dieser minimalistische Stil reicht meistens auch aus und man lernt nicht nur was oder findet Inspiration darin, sondern fühlt sich auch unterhalten.

Warum hast du für die Präsentation der Food-Clips Instagram ausgewählt und nicht andere wie z.b. Youtube?

Auf Youtube würde der Content nicht funktionieren, weil die Plattform eher lange Videos bevorzugt. Das würde dort auch keiner schauen solange ich dort nicht was eigenes für erstelle. Jede Plattform braucht sein eigenes Konzept. Instagram-Content funktioniert nicht auf Youtube und Youtube-Content nicht auf Instagram.

Man merkt auch genauso gut, dass der typische TikTok-Content auf Instagram nicht funktioniert, wenn man einige große TikToker betrachtet, die wenige Follower auf Instagram haben. Das heißt nicht, dass der Content schlecht ist, sondern nur dass die Zielgruppe anders ist. Da habe ich ein wenig den Vorteil, dass Kochen, vor allem mit der türkischen Küche, ein Thema ist, was jüngere und ältere Menschen gleichermaßen interessiert.

Natürlich könnte man auch sagen, dass ich meine Videos einfach länger schneiden und vertonen könnte. Ja, das könnte ich theoretisch. Aber das Video wäre dann dennoch im Hochformat und würde folglich nicht funktionieren. Klar kann ich 4K Inhalte aufnehmen und es vertikal rausschneiden für Instagram und TikTok, aber das bedeutet Qualitätsverlust und ein optisch ganz anderer Effekt. Bedeutet also, dass ich noch jemanden für eine weitere Kamera bräuchte der horizontal filmt. Aktuell ist das nicht möglich, aber ich bin immer offen für neue Konzepte und mache mir da auch immer Gedanken.

Du zeigst überwiegend türkische Gerichte.  Warum türkisches Essen und glaubst du, das wird sich in Zukunft mal ändern? 

Ja, es sind tatsächlich überwiegend türkische Gerichte oder Gerichte aus dem arabischen Raum. Unter anderem auch sehr viel mit Teig, was mich am meisten fasziniert. Diese Auswahl lässt sich dadurch begründen, dass die Kochkultur aus der Region sehr reich an Gerichten und Desserts ist, die man hier so nicht kennt. Das ist aber auch in asiatischen Ländern wie China und Japan, oder in anderen Balkan-Staaten oder Russland nicht anders. Man kennt hier einfach nur den extrem kleinen Anteil, den man in Restaurants oder ähnlichem sieht.

Ich mag aber auch internationale Gerichte und Desserts kochen oder backen. So gibt es auch mal Lasagne, Nudeln, Ente mit Orangen, kandierte Äpfel, Macarons etc. Mein Pizza-Video etwa hat auf beiden Plattformen über 1,4 Millionen Views und Billie Eilish hat meine Berliner geliked. Zwar auf einem anderen Kanal bei einem Repost, den ich nicht erlaubt habe, aber immerhin.

Auch koche ich gerne mal Vegan, wie auch letztens bei einem Livestream mit einem veganen Chef. Das liegt daran, dass ich die Kreativität der veganen Küche interessant finde und auch selbst in Restaurants, also außerhalb von zuhause oft vegan esse, um neue Dinge zu probieren.

Woher nimmst du die Rezepte? 

Die kommen tatsächlich fast ausschließlich von meiner Mutter. Ich lasse mich aber auch gerne von anderen inspirieren, wobei ich wirklich sehr selten Rezepte nutze und bei vielen Sachen, selbst beim aller ersten Mal, improvisiere und nach Gefühl koche. 

Jede Woche erstellst du für uns ein neues Gericht. Wie lange dauert die Zubereitung eines solchen Videos?

Viele denken, dass kurze Videos wenig Arbeit sind, aber das Gegenteil ist der Fall, da ich meist etwa 25-35 Minuten Videomaterial zu mindestens 100 Clips zusammenschneide, diese versuche dann sinnvoll auf 60 Sekunden zu kürzen, Farben und den aufwendig aufgenommenen Ton bearbeite etc. Entsprechend braucht der Schnitt selbst meist 2-4 Stunden und ich komme insgesamt auf 8-10 Stunden mit dem Koch und Aufnahmeprozess.

Bei vielen Bearbeitungsschritten würden einige Leute sagen, dass niemand den Unterschied erkennen würde. Das mag stimmen. Aber es reicht, dass ich den Unterschied merke. Grundsätzlich glaube ich aber auch, dass jedes bisschen Extra, was man in den eigenen Content reinsteckt, bei den Zuschauern auch besser ankommt. Was den Einkauf betrifft, den zähle ich nun nicht direkt mit, weil ja sowieso immer das gefilmt wird, was auch an dem Tag gegessen oder gekocht wird. Aber das ist natürlich auch recht zeitaufwendig. Das alles ist mitunter der Grund, warum nur einmal die Woche ein Video kommt. Manchmal wenn ich übermotiviert bin oder ein Video weniger Arbeit war gibt es zwei, aber das ist selten. Würde ich zu viel auf einmal machen, würde die Qualität drunter leiden.

Beim Zusehen bekommt man schnell Appetit und würde gerne etwas nachkochen.Warum gibst du uns keine Mengenangaben an?  

Mengen zu nennen wäre kein Problem, wenn ich selbst nicht nach Augenmaß kochen würde. Rezepte gibt es wie Sand am Meer. Wer sucht der findet auch. Grundsätzlich möchte ich aber nicht ein weiterer Rezeptkanal mit denselben Rezepten sein. Der unterhaltende, inspirierende und motivierende Faktor ist mir wichtiger. Die meisten Rezepte im Internet funktionieren, wenn man sich damit beschäftigt und experimentiert. Das Grundrezept ist ja in den meisten Fällen immer gleich. Spätestens beim Vergleich zweier Rezepte sieht man, dass der eine anderen Geschmacksinn hat, als der andere, weil eine Zutat mehr drin ist. Trotzdem funktioniert es meist nicht, wenn man nach Rezept kocht. Ich selbst merke es, wenn ich mal was für mich perfektes herausgefunden habe und beim zweiten Versuch mit gleichen Schritten ein anderes Ergebnis erhalte. Man kann es einfach anhand von Brot verdeutlichen.

Brot besteht nur aus vier Grundzutaten: Mehl, Salz, Wasser und Hefe. Mehr braucht man nicht. Trotz der Einfachheit der Zutaten bekommen das aber viele nicht hin, weil immer nur nach Rezept gebacken wird. Man schiebt das auf die Mengenangaben, die sicher falsch sein müssen. Es sind aber keine festen Formeln, sondern Orientierungswerte. Dort fließen praktische Erfahrungswerte mit rein, die man einfach nicht vermitteln kann, da vieles sich auch unterbewusst abspielt. Kocht und backt man nach Gefühl, mit dem eigenem Geschmack und eigenen Erfahrungen, kommt man mit ein wenig Experimentierfreude und den Erfahrungen, die man durch das Üben sammelt, irgendwann auf das richtige Ergebnis oder kann sich kreativ ausleben und ein Gericht weiterentwickeln. 

Diese Rezeptabhängigkeit spiegelt sich manchmal in Kommentaren wieder, wo man hin und wieder etwas in Richtung: „Dieses und jenes Gericht macht man nicht so und muss es ganz genau so und so machen“ oder „das ist falsch“ liest. 

Wie oft hast du dich beim Kochen schon verkocht?       

Nicht oft, aber es passiert ab und zu, dass mal etwas anbrennt, oder zu viel Salz drin ist, aber wenn mal etwas nicht klappt, dann meist, weil ich versuche, etwas eins zu eins nachzumachen, was vorher perfekt geklappt hat, wo wir wieder beim Thema Rezepte wären. Grundsätzlich bin ich aber kein Chefkoch und muss weder mir, noch anderen etwas beweisen, indem ich super schnell koche. Ich lasse es gerne langsam angehen, entspanne dabei und habe Spaß. Dann macht man meist nur die Fehler, aus denen man auch was lernen kann. 

Welchen Stellenwert hat Ernährung und gutes Essen für dich selbst? 

Ich finde eine gute und gesunde Ernährung sehr wichtig. Man sieht etwa bei mir in den Videos, dass eine gewisse Balance im ganzen Menü drin ist, sodass es nie einseitig wird. Vieles wird selbst gemacht wie etwa Brot oder Joghurt. Auch achte ich darauf kein Billigfleisch zu nutzen und esse selbst sogar öfter außerhalb von zuhause Vegan. Ich mag es zu experimentieren und interessiere mich auch sehr für andere Kulturen und deren Gerichte, so dass ich versuche auch neue Dinge zu probieren. Extrem wählerisch bin ich aber dennoch. Ansonsten finde ich, dass gutes Essen Leute zusammenbringt und das Kochen selbst die Kreativität fördert. Man hat immer das Gefühl etwas geschafft zu haben und belohnt sich dann beim Essen selbst oder macht anderen eine Freude. Wenn es dann auch noch gut ausbalanciert ist, tut man dem Körper auch etwas Gutes.  

Für wen würdest du gerne (mal) ein gutes Gericht zaubern?

Für meine Mutter, wenn sie mir mal die Gelegenheit dafür geben würde.

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( Bilder: Ümit Memisoglu © Ümit Memisoglu )

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