Im Gespräch mit Schauspieler Aykut Kayacık

Im Gespräch mit Schauspieler Aykut Kayacık

Schauspieler Aykut Kayacık Bild © Aykut Kayacık

„Deli için her gün bayram“

– „Für den Verrückten ist jeder Tag ein Fest“

SanatSever - Kunstliebhaber

Im Gespräch mit Schauspieler und Regisseur Aykut Kayacık über die Kunst, die Künstler und das Leben in schwierigen Zeiten 

Aykut wie geht es dir? 

Mir geht es den Umständen entsprechend ganz gut. Ändern kann ich an der Situation ja nun leider nichts, daher nutze ich die Zeit, die ich jetzt bekommen habe. Ich bin ein sehr positiver Mensch, das versuche ich mir zu bewahren. Meine Großmutter sagte immer wieder so schön liebevoll; „Deli için her gün Bayram“.  (übersetzt; „ für den Verrückten ist jeder Tag ein Fest“) 

Womit warst du gerade beschäftigt, als im März der Corona-Lockdown kam?

Ich war in Köln, mitten in einem Dreh für einen Weihnachtsfilm. Wir mussten abrechen und dann leider wieder nach Hause fahren. Alle restlichen Drehtage wurden abgesagt. Jetzt im Juni wäre ich hier in Berlin im Tipi am Kanzleramt im Musical „Cabaret“ aufgetreten. Auch das entfällt nun leider. 

Weißt du schon, wie es weitergeht?

Derzeit ist noch alles offen. Der Dreh wird sicherlich erst einmal auf längere Zeit verschoben. Wir können ja keinen Weihnachtsfilm drehen, wenn die Bäume blühen oder schöne grüne Blätter tragen. Theater ist ebenfalls bis auf weiteres verschoben. Wir werden sehen, was passieren wird. 

Was machst du jetzt mit deiner freien Zeit? 

Ich habe hier um die Ecke ein kleines Büro. Dort arbeite ich und schreibe Drehbücher und Theaterstücke. Derzeit arbeite ich gerade an einem neuen Theaterstück, bzw. an seinem Feinschliff. 

Siehst du den Corona-Lockdown für dich als Künstler als eine Chance zur Ruhe zu kommen und um an Kreativität zu gewinnen? 

Seien wir doch mal ehrlich, dieser Zustand ist für uns als darstellende Künstler nichts neues. Wie oft warten wir und wissen nicht, was in den nächsten Monaten passieren wird? Im Gegensatz zu diesen Situationen sind wir nun aber offiziell angehalten, nichts zu tun. Wir dürfen nicht arbeiten. Aber das macht mich nicht gleichzeitig mehr kreativ als sonst. Auch unter normalen Umständen leide ich nie unter Langeweile, bin so gut wie immer in Aktion.

Wenn ich nicht gerade Theater spiele oder einen Film-Dreh habe, schreibe ich an Theaterstücken oder Musicals oder mache Werbung für interessante neue Projekte. Außerdem teile ich mit meiner Familie die Leidenschaft für gutes Essen und dem Zubereiten. Wir basteln ständig an neuen Koch-Kreationen. Mit meiner Tochter haben wir vor einigen Jahren das Projekt „Vater und Tochter“ mit einem Food-Truck ins Leben gerufen. Es gibt wirklich nichts Schöneres, als andere an seiner Leidenschaft teilhaben lassen zu können. Dies wiederum führte zu meiner eigenen Sucuk- und Schinken Kreation. ( Sucuk – übersetzt auf deutsch: Wust,  – Rohwurst aus Rindfleisch, Kalb oder Lamm)  Eine Kreation ganz ohne Konservierungsstoffe und ohne Kimyon (Kimyon – übersetzt auf deutsch: Kümmel ), darauf bin ich sehr stolz. Das richtige Rezept zu finden war ein sehr langer Prozess. Aber dann habe ich sogar einen Fleischer gefunden, der mich in der Herstellung unterstützt und jetzt produzieren wir sogar Wurst und Schinken für den Eigenbedarf, für Freunde, Bekannte und liefern auch schon mal kleinere Bestellungen aus. Die Welt steht nicht still. Ich bin immer irgendwie aktiv und eingespannt. 

Glaubst du, dass Künstler mit schwierigen Situationen flexibler umgehen können? 

So pauschal kann ich das nicht sagen. Künstler, die vor dem Lockdown kreativ waren, werden es jetzt auch sein. Künstler, die nur auf eine Sache eingefahren sind und bereits Schwierigkeiten hatten, werden diese nun auch wieder erleben. Ich denke, es ist eine Typ-Frage. Leider wird man als Künstler oftmals immer noch nicht ernst genommen. Manchmal sitze ich tagelang im Büro und schreibe an einem Theaterstück. Wenn ich dann auf jemanden treffe, der mich fragt, „Was machst du denn gerade“ und ich ihm antworte: „Ich schreibe.“, werde ich komisch angesehen. Etwas schreiben, ist für viele immer noch keine Arbeit. Aber hätte ich einen Tisch gebaut, den man sehen, anfassen und benutzen kann, dann wäre die Antwort: „Wow, ein schöner Tisch, tolle Sache. Baue noch einen.“ 

Kunst begleitet uns tagtäglich, aber die wenigsten messen ihr einen Wert zu. In unseren Schränken stehen Bücher, an den Wänden hängen kreative Bilder, am Abend sehen wir uns einen tollen Film im Fernsehen oder Internet an oder gehen ins Theater. Und trotzdem stellt man sich immer noch die Frage „Muss man die Künstler in diesen Zeiten unterstützen?“. Kunst ist so alltäglich, so normal geworden, aber Geld dafür bezahlen möchte man größtenteils immer noch nicht. Sehr schade. Wir werden sehen, ob die Menschen jetzt vielleicht zu einer Besinnung kommen werden. 

Ein wirklicher Künstler wird seine Kunst nicht aufgeben, auch wenn er mal nicht davon leben kann. Er wird flexible sein und irgendwie einen Weg finden, um Geld zu verdienen, überleben und weitermachen zu können. Es ist immer die Leidenschaft, die uns trägt. 

Was hältst du denn von den vielen Streaming-Angeboten jetzt im Internet? Findest du sie als eine gute Alternative für die Zuschauer?

Es gibt keine Alternative für die Live-Kunst. Aber irgendwas müssen sich die Leute ja einfallen lassen, um gesehen zu werden und nicht in Vergessenheit zu geraten. Früher haben wir Schauspieler alle 2 Jahre neue Bilder an unsere Agenten weitergegeben und regelmäßig neue Demobänder eingereicht. Das reichte aus. Heute ist das anders. Wie sagt man so schön; „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Genau so ist das auch.

Die Welt ist schnelllebig, man gerät sehr schnell in Vergessenheit. Leider. Also spielen wir das Spiel mit. Seien wir also froh, dass es die Möglichkeit des „Streaming“ gibt. (lacht)

In der Türkei geboren, in Deutschland aufgewachsen. Inwieweit haben dich die Kulturen dieser beiden Länder geprägt? 

Obwohl ich mit der klassischen Frage; „Bist du deutsch oder türkisch?“ aufgewachsen bin, wusste ich nie, wie ich diese beantworten soll. Irgendwann vor 20 Jahren dann, habe ich meine eigene Definition gefunden. Diese lautet; „Ich bin ein Berliner Türke mit preußischem Einschlag.“

Die ganze Familie hatte sich damals schnell und gut eingelebt. Wir Kinder, meine Schwester und ich, hatten dann schnell die türkische Sprache verlernt. Meine Eltern waren beide Lehrer, irgendwann hatte mein Vater uns dann sogar ein „Deutsch-Verbot“ ausgesprochen und wir durften zu Hause nur noch Türkisch sprechen, damit wir es nicht vergessen. Wir mussten die türkische Sprache fast von Grund auf neu lernen. Als Schüler habe ich einen deutschen katholischen Hort besucht, mit richtigen Nonnen und Schwestern. In der Schule erhielten wir evangelischen Religionsunterricht und zu Hause erfuhren wir alles Wichtige über den Islam. Mein Vater war Atheist. „Als Atheist musst du alle Religionen kennen“, war seine Meinung.

Natürlich gibt es Bräuche und Verhaltensweisen, die man verinnerlicht hat. Deutsche wie Türkische. Daher lebe ich nicht nur mit dem Zusatz der türkischen Sprache, sondern auch in beiden Kulturen. Beide haben gleichsam geprägt. 

Wann bist du typisch türkisch oder typisch deutsch? 

Eigentlich nie. (lacht..) Oder doch? Warte. Beim Bezahlen. Der Klassiker (Aykut lacht) … da kommt dann doch etwas mehr der Türke durch.

Es tat wirklich gut, dich auch jetzt in dieser Zeit so gut gelaunt zu erleben. 

Ich lasse mich so schnell nicht unterkriegen. Wenn ich nicht gut drauf bin, sieht man mich nicht. Aber meistens bin ich ja sichtbar. „Deli için her gün bayram“. (Aykut zwinkert lächelnd..  ) 

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