Mut zur Problemlösung, Bild von Hülya Karci, Theaterregisseurin

Mut zur Problemlösung oder Kindheit ist wie der Himmel

Hülya Karci © Samer Al Nassif

Mut zur Problemlösung oder Kindheit ist wie der Himmel

Am Donnerstag, 06. Februar 2020 findet die Premiere des Theaterstückes Çocukluk gökyüzü gibidir“ auf deutsch „Kindheit ist wie der Himmel“ in Berlin statt. Grund genug die Autorin, Theaterpädagogin und Regisseurin des Stückes Hülya Karci auf einen „Çay“ zu treffen und und mit ihr über das Ensemble und das Theaterstück zu sprechen.

Hülya, wer ist die Kibele Frauentheatergruppe? 

Die Kibele Frauentheatergruppe ist eine Laienschauspielgruppe in Berlin. Sie besteht aus 7 Frauen. Alle Frauen sind keine professionellen Schauspieler, aber sie spielen seit vielen Jahren Theater und sind mittlerweile sehr in ihrer Arbeit gewachsen. Es handelt sich um eine intergenerative Theatergruppe, die älteste Frau ist bereits 73 Jahre alt und die jüngste erst 33 Jahre. Ein starkes Ensemble. 

Das Theaterstück, welches am Donnerstag in der Mosaik Etage Kotti e.V. aufgeführt wird, heißt „Çocukluk gökyüzü gibidir“ auf deutsch „Kindheit ist wie der Himmel“. Woher kommt der Titel und der Text des Stückes?

Der Titel des Stückes stammt aus einem Gedicht des berühmten türkischen Dichters Edip Cansever. Ein wunderbares Gedicht! Mir gefiel dieser eine Satz Çocukluk gökyüzük gibi “ (übersetzt; Kindheit ist wie der Himmel) am besten, daher habe ich ihn so übernommen. Egal wann oder wo wir uns befinden, unsere Kindheit steckt immer noch in uns. Sie hat uns geprägt und zu dem gemacht, was wir heute sind. Es ist ein sehr aussagekräftiger Satz. 

Der Text aus dem Theaterstück kommt aus unseren eigenen Improvisationen. Das ist meine Arbeit. Ich bin Dramaturgin und liebe es mit Improvisationen zu arbeiten. 99 % der Texte, die wir aufführen, schreibe ich selber dann nieder. Ich gebe also nur das Thema vor, aber keinen dazu gehörigen Text. Unsere Texte der Stücke entstehen dann in der Arbeit mit der Gruppe. Sie kommen aus jedem einzelnen von uns, aus unseren Biographien und aus unseren Erfahrungen. Das Thema war gewählt, dann haben wir viel improvisiert und gemeinsam einen Text entwickelt und diesen dann, nach und nach in unseren Proben verbessert. 

Worum geht es in dem Theaterstück?

Das Theaterstück Çocukluk gökyüzü gibidir“ („Kindheit ist wie der Himmel“) thematisiert einzelne Familiensituationen, in denen wir uns alle befinden können. Diese Betrachtungen sind sehr kritisch. Wir präsentieren diese Situationen und Probleme und suchen dann zusammen mit den Zuschauern die Lösungen. Dieses Konzept ist sehr ambivalent. Was stellt eine Lösung dar? Was nicht? 

Veranstaltungsplakat des Berliner Kibele Frauenforumtheater

Veranstaltungsplakat des Berliner Kibele Frauenforumtheater© Kibele Frauenforumtheater

Bei einer Theater-Improvisation, fällt in der Regel jede Aufführung anders aus. Besteht denn die Möglichkeit, dass während der Aufführung keine Lösungen der dargestellten Themen oder Probleme gefunden werden? 

Nicht wirklich. Dafür bin ich ja da. (…Hülya Karci lächelt..) Ich bin die Moderatorin des Stückes. Eine Moderatorin lenkt das Spiel in die Richtung, die in diesem Moment richtig erscheint. Das ist wichtig, denn wir können die Zuschauer nicht ohne Lösungsvorschläge nach Hause schicken. Es ist wie eine Probe des Lebens. Irgendwann in unserem Leben erleben wir solche oder ähnliche Situationen, wie die, die wir auf der Bühne sehen. Es gibt für alle Probleme eine Lösung. Darauf weisen wir hin.

Aber verleitet das nicht auch dazu, die Zuschauer etwas zu manipulieren? 

Naja, wir dürfen schon etwas manipulieren. (… Hülya Karci lacht…) Es ist eigentlich auch keine Manipulation, sondern eher ein Leiten. In unserem Forum ist es wichtig, den Zuschauern zu vermitteln, dass jede Problematik unterschiedliche Ecken hat und diese Ecken aber auch unterschiedlich betrachtet werden können. 

Aber wie die Lösungen nachher im Einzelnen aussieht, ist eigentlich relativ unwichtig. Es wäre ja auch unglaubwürdig auf jede Problematik auf der Bühne eine Lösung anbieten zu können. Das ist nicht möglich. Aber wir versuchen den Zuschauern Möglichkeiten zu bieten. Wir bemühen uns Blickwinkel zu erweitern und dies wiederum bietet dann sehr viele Lösungsmöglichkeiten. 

Die wichtigste Frage für uns alle ist doch; Welche Lösungsmöglichkeiten möchten wir annehmen? Manchmal möchten wir Menschen gar keine Lösungen, sondern möchten nur das Problem haben und dann ewig darauf herum kauen und uns damit beschäftigen. Es ist wichtig das Erkennen zu können. 

„In Deutschland gibt es keine türkische Kultur“

Das Stück gibt es in deutscher und in türkischer Sprache. Im Dezember wurde es bereits in Deutsch aufgeführt, nun folgt die türkische Version. Glaubst du, dass es aufgrund der unterschiedlichen Kulturen einen Unterschied in der Betrachtungsweise auf das Stück gibt?

Doch, doch den gibt es sicher. Auf jeden Fall gibt es unterschiedliche Betrachtungsweisen. Aber ich glaube, es gibt keinen wirklich großen Unterschied zwischen den Deutschen und Türken. Der große Unterschied liegt eher darin, wo sie aufgewachsen sind, wie und was hat jeden einzelnen geprägt. Es gibt hier in Deutschland keine türkische Kultur. Es gibt eher eine Kultur von türkischen Menschen, deren Familien aus der Türkei kommen, aber in Deutschland leben und aufgewachsen sind. Das ist etwas anderes.

Die Aufführung auf Deutsch war sehr erfolgreich. Ich bin sehr gespannt, wie jetzt die Reaktionen der Zuschauer auf das türkische Stück sein werden. Es werden ja überwiegend türkischsprachige Zuschauer dabei sein, oder Deutsch-Türkische wie du und ich. 

Glaubst du, dass sich die Empfindungen eines Darstellers zu seiner Rolle ändern, wenn er diese in einer anderen Sprache spielt als vorher? 

Die Empfindung zur Rolle, die man spielt, ist wahrscheinlich dieselbe. Eher ändert sich die Stärke dieser Empfindung mit der Sprache. Die eine Sprache ist mehr impulsiv und emotional, die andere weniger. Das merkt auch der Schauspieler.

Zum Beispiel habe ich unsere Improvisationen in einen Text verfasst und dann in das Deutsche übersetzt. Bei den Proben haben wir viel dann viel verändert und verbessert. Später haben wir diesen Text wieder zurück ins Türkische übersetzt. Die meisten von uns fanden den deutschen Text dann besser als den türkischen. Auf Türkisch haben wir anfangs bei ein und demselben Satz einfach nicht dasselbe Gefühl erzeugen können. Es hat einige Wochen gedauert, um den Text zu verinnerlichen und einen Sinn zu erhalten.

Bei jeder Sprache gibt es eine unterschiedliche Philosophie und Herangehensweise bei der Erarbeitung. Dieser Prozess war für uns alle sehr interessant zu erleben.

Wie lange habt ihr für die Aufführung geprobt?

Wir haben ca. 6 Monate zusammengearbeitet und geprobt.

Es gibt Theaterstücke, die mit Übertiteln angeboten werden. So kann der Zuschauer zur gleichen Zeit den Text in einer anderen Sprache mitlesen. Wäre das nicht auch für Euch eine einfachere Alternative für die Umsetzung des Stückes in mehreren Sprachen? 

Ja, viele Theaterhäuser machen dies heute. Manche sogar in zwei, drei oder vier Sprachen. Aber wir wollen doch als Ensemble unsere Ressourcen zeigen. (..Hülya Karci lacht..).

Wir wollen zeigen, was wir können. Wir sprechen beide Sprachen. Warum also nicht auch zeigen, dass wir in zwei Sprachen Theater spielen können. Für uns ist diese Arbeit somit auch eine Reise. Wie fühle ich mich in dieser Sprache? Wie kann ich mich besser ausdrücken? Was war interessant für mich in der Arbeit? Diese Fragen mit ihren Antworten sind sehr wichtig für uns.

Du arbeitest mit professionellen Schauspielern, aber auch sehr viel mit Laien. Wo liegt da für dich der Unterschied?

Ich mag es, sowohl mit ausgebildeten Schauspielern zu arbeiten als auch mit Laienschauspielern. Aber so gut ausgebildete Schauspieler ihre Rolle auf der Bühne auch verkörpern, in der Regel haben sie eine bestimmte Art zu spielen gelernt. Als Regisseurin kann mit ihnen dann nicht immer alles umsetzen, sondern muss dann genau für die Rolle die richtige Person finden. Laienschauspieler sind dagegen ein bisschen wie Knete. (.. Hülya lächelt…). Man kann sehr gut mit ihnen arbeiten, sie sind meist offener. 

Es ist eine andere Art der Arbeit. Denn hier arbeite ich mit dem Material, was jeder von ihnen mitbringt und baue darauf auf. Deshalb nenne ich mich selbst auch Theaterpädagogin und nicht nur Regisseurin. (…Hülya lacht…) Ich arbeite mit Kindern, Jugendlichen und mit Senioren aus vielen unterschiedlichen Kulturen. Diese Arbeit ist sehr facettenreich, aufregend und sehr interessant. Genau wie unsere Aufführungen. 

Mehr Informationen über Hülya Karci

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